Chaos und Clubnächte - Mein Trendreport für 2026
Die Zukunft vorhersagen kann ich leider nicht, auch wenn ich gerne Tarotkarten lege. Aber meine alarmierend hohe Bildschirmzeit muss ja für irgendetwas gut sein: Wer sich regelmässig in den Tiefen von TikTok & Co. verliert, erkennt irgendwann, was sich da gerade zusammenbraut. Hier also meine kulturellen Vorhersagen für 2026.
1. Die neue Platt-form: Substack
Substack ist die Antwort auf unsere kollektive Scroll-Müdigkeit: eine Plattform, auf der man Autor:innen abonnieren kann (viele kostenlos, manche im Abo) und ihre Texte direkt ins eigene Postfach geliefert bekommt. Statt vom Algorithmus bespielt zu werden, stellt man sich hier seinen ganz persönlichen Feed aus Essays, Analysen und Gedanken zu genau den Themen zusammen, die einen wirklich interessieren.
Schon 2025 erlebte Substack einen deutlichen Aufschwung – 2026 dürfte die Plattform endgültig im Mainstream ankommen. Weil viele genug haben vom Dauer-Scrollen und der Reizüberflutung auf Social Media, wächst die Sehnsucht nach bewussterem Medienkonsum.
2. Das Clean Girl ist tot
Wer kennt es nicht, das Clean Girl: streng gescheitelter Slick Bun, Haut wie ein glasierter Donut, ein Kleiderschrank in fünfzig Schattierungen von Hafermilch. Wer sich diesem Ideal verschreibt, trinkt Matcha und besitzt mindestens ein farblich abgestimmtes Lululemon-Set.
Aber nach einem Trend schwingt das Pendel meist in die andere Richtung. Darum lassen wir 2026 das Clean Girl hinter uns und trinken ein Glas Wein, während wir unsere chaotischen Gedanken in ein noch chaotischeres Journal schreiben. Wir leben in Wohnungen, die auch so aussehen, als würde tatsächlich jemand darin wohnen. Und wir verbringen den Sonntag mit verschmiertem Kajal und Pizza im Bett, weil wir am Abend zuvor vielleicht einen Martini zu viel getrunken haben.
3. Eclectig Elegance: Drama, Baby, Drama!
Auch im Departement Fashion konzentrieren wir uns 2026 wieder mehr auf Individualität und kombinieren schlichte Basics mit dramatischen Statement Pieces, die auffallen und eine Geschichte erzählen.
Egal ob ein gründer Ledermantel, den die eigene Oma vor fünfzig Jahren schon gerockt hat. Grosse Silber-Ohrringe in Form eines Käfers vom Flohmarkt. Oder knallrote, spitzige Hexenstiefel.
4. Carrie Bradshaw Nails
Wer hat in der aktuellen Weltwirtschaftslage schon Zeit und Geld, sich jeden Monat ein neues Set Gel-Nails zu gönnen? Also ich nicht. Darum kommt mir das schwingende Trend-Pendel sehr gelegen: 2026 tragen wir unsere Nägel wieder so, wie sie sind – bare. Irgendwo auf TikTok (wo auch sonst?) bin ich über den Begriff «Carrie Bradshaw Nails» gestolpert. Die Protagonistin von Sex and the City trug nämlich selten bis nie Nagellack – es wäre schlicht zu aufwendig gewesen, ihre Nägel ständig an ihre extravaganten Outfits anzupassen.
Und vielleicht ist genau das 2026 der Punkt: Weniger Maintenance. Mehr Leben. Unlackierte Nägel passen nämlich zu jedem Outfit.
5. Alles analog?
Manche prophezeien den grossen Handy-Exodus. Ich halte mich mit solch apokalyptischen Prognosen noch etwas zurück. Denn Tech-Konzerne sind erfinderisch, und wir sind leider Gewohnheitstiere. Wenn Nutzer:innen analoger werden wollen, entwickeln Firmen eben Produkte, die genau das versprechen: Apps zur Bildschirmzeit-Kontrolle oder Gadgets wie der Brick, der das Handy temporär lahmlegt, gibt es ja bereits.
Trotzdem bin ich überzeugt: 2026 wird zumindest analoger. Wir sind müde vom endlosen Scrollen. Also wird wieder mehr gejournalt, gestrickt, gemalt, gelesen, Sport gemacht. Und ja – ironischerweise entsteht daraus dann wieder Content, in dem Menschen ihre analogen Tätigkeiten filmen und online stellen. (In was für einer Timeline leben wir bitte?)
6. Clubbing
Kennt ihr den Lippenstift-Index? Die Theorie besagt, dass in wirtschaftlich schwierigen Zeiten mehr Lippenstift gekauft wird, weil man sich keine grossen Anschaffungen leisten kann und sich stattdessen kleinen Luxus gönnt. Ich glaube, das lässt sich irgendwie auch auf die Clubbing-Szene übertragen.
Wenn kein Budget für Städtetrips oder teure Freizeitaktivitäten da ist und die Weltlage einem zunehmend Sorgen bereitet, wird der Club zur besten Form von Eskapismus: Man trifft Freunde, fühlt die Gemeinschaft, hört Musik, die ablenkt, und hat einfach Spass. Und das zu einem vergleichbar kleinen Preis.
Schon während früherer Krisen blühte die Nachtkultur auf. Auch jetzt kehren die Club-Hits wieder zurück. Und ich freue mich schon darauf „Tonight’s Gonna Be a Good Night“ zu hören, während ich mit meinen Schuhen auf dem Dancfloor festklebe.
Irgendwie deprimierend?
Ja, viele meiner Trend-Predictions haben einen leicht melancholischen Unterton. Sie entstehen aus einer Welt, die sich unsicherer anfühlt – wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich. Aber ich möchte keine düstere Zukunft zeichnen. Ich sehe in diesen Entwicklungen auch etwas Positives: Wir werden authentischer, echter und vielleicht sogar etwas gelassener? Wir lösen uns hoffentlich ein Stück weit vom algorithmusgetriebenem Überkonsum und der Dauer-Optimierung. Wir geben weniger Geld für Perfektion aus und nehmen uns mehr Zeit für Dinge, die uns wirklich guttun.

